English Woman's Journal - Kassenärzte-Chef sorgt mit Forderung nach Patienten-Gebühr für Kritik

Kassenärzte-Chef sorgt mit Forderung nach Patienten-Gebühr für Kritik


Kassenärzte-Chef sorgt mit Forderung nach Patienten-Gebühr für Kritik
Kassenärzte-Chef sorgt mit Forderung nach Patienten-Gebühr für Kritik / Foto: Charly TRIBALLEAU - AFP/Archiv

Mit der Forderung nach der Einführung einer Kontaktgebühr für Patienten bei Arztbesuchen haben die Kassenärzte in Deutschland für breite Kritik gesorgt. Ablehnung kam am Montag von mehreren politischen Parteien, Patientenschützern und Hausärzten. Der Vorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Andreas Gassen, schlug in der "Bild"-Zeitung vom Montag statt einer Praxisgebühr eine Kontaktgebühr als "Eigenleistung" vor, um die Einnahmen der Kassen zu erhöhen. Die Gebühr könne wie etwa in Japan "bei drei oder vier Euro liegen und sollte von den Krankenkassen eingezogen werden", forderte Gassen.

Textgröße ändern:

Er betonte, die Gebühre müsse "sozial verträglich gestaltet werden, damit niemand überfordert wird". Der KBV-Chef schlug zugleich die Einführung eines "digitalen Ärzte-Lotsen" für Patienten vor, um die Zahl unnötiger Arztbesuche zu reduzieren und Kosten zu senken. Dieser Lotse solle Patienten beraten und Arztbesuche koordinieren. "Durch eine solche Koordination für Patienten könnten unnötige Doppel- und Dreifachbehandlungen verhindert werden", sagte Gassen. Dieser Lotse könne bei entsprechender Finanzierung über die Nummer des ärztlichen Bereitschaftsdienstes, 116 117, etabliert werden.

Mit seinen Vorstellungen sorgte Gassen allerdings für massive Kritik. Im politischen Raum äußerten SPD, Grüne und Linke erhebliche Vorbehalte. "Eine Praxis- oder Patientengebühr ist unsozial, ineffektiv und gesundheitspolitisch falsch", sagte der SPD-Gesundheitspolitiker Christos Pantazis den Funke-Zeitungen. "Sie schreckt nicht 'unnötige' Arztbesuche ab, sondern vor allem Menschen mit geringem Einkommen, chronisch Kranke und ältere Patientinnen und Patienten."

Auch die Grünen lehnten den Vorschlag kategorisch ab. Der Bundestagsabgeordnete Janosch Dahmen, Sprecher für Gesundheitspolitik, sagte der "Rheinischen Post": "Kontaktgebühren sind kein Instrument zur Lösung der Kostenkrise." Drei oder vier Euro pro Arztbesuch steuerten "weder sinnvoll in die richtige Versorgung noch senken sie spürbar Ausgaben". Dahmen warnte vor allem vor mehr Bürokratie.

Der Linken-Bundestagsabgeordnete Ates Gürpinar sagte ebenfalls der "Rheinischen Post": "Ob Praxis- oder Kontaktgebühr – die Leier bleibt dieselbe, aber die Finanzierungsprobleme der Krankenkassen werden damit überhaupt nicht gelöst." Stattdessen würden so vor allem arme und kranke Menschen aus dem Solidarsystem herausgedrängt.

Der Verband der Hausärztinnen und Hausärzte lehnte die Kontaktgebühr als kontraproduktiv und unsozial ab. "Die Idee, statt einer Praxisgebühr künftig eine Kontaktgebühr bei Arztbesuchen zu verlangen, ist der sprichwörtliche Sprung vom Regen in die Traufe", sagte Nicola Buhlinger-Göpfarth, Co-Bundesvorsitzende des Verbands, den Funke-Zeitungen. "Solche Vorschläge stabilisieren weder die Finanzen des Gesundheitssystems noch helfen sie den Patientinnen und Patienten." Deutschland brauche "endlich grundlegende Strukturreformen im Gesundheitssystem", betonte Buhlinger-Göpfarth. "Kein anderes Land hat ein derart ungesteuertes Gesundheitssystem wie Deutschland", sagte sie.

Der GKV-Spitzenverband sprach von einem "offenkundigen Ablenkungsmanöver". "Statt über Reformen zu sprechen, die dann auch die Ärzteschaft selbst betreffen würden, wird auf die Patientinnen und Patienten verwiesen", beklagte Florian Lanz, Sprecher des GKV-Spitzenverbands, bei AFP. "Unser Gesundheitssystem gibt pro Tag über eine Milliarde Euro aus, da braucht es keine zusätzlichen Einnahmen, sondern endlich Strukturreformen, die den extremen Ausgabenanstieg sinnvoll bremsen."

Auch von Patientenschützern kam Kritik: "Patienten und gesetzlich Krankenversicherte sind die Melkkühe der Nation", beklagte Eugen Brysch, Vorstand der Stiftung Patientenschutz. "Deutschland ist Spitzenreiter bei den Gesundheitsausgaben aber nur mittelmäßig bei der Lebenserwartung im Vergleich zu den Nachbarstaaten", sagte er. Die Bundesregierung müsse "zunächst hier ansetzen, um das Gesundheitssystem aus der Perspektive der Patienten weiterzuentwickeln".

L.Scott--EWJ

Empfohlen

Private Krankenversicherung darf Arztrechnungen nicht für Vorsorgeprogramme auswerten

Eine private Krankenversicherung darf die eingereichten Arztrechnungen nicht ohne das Einverständnis der Versicherten analysieren, um so potenzielle Teilnehmer für Vorsorgeprogramme zu finden. Das entschied das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig am Freitag und verwies auf den hohen Schutz für sensible Gesundheitsdaten. Zuvor hatte der Datenschutzbeauftragte von Rheinland-Pfalz die Versicherung verwarnt. (Az. 6 C 7.24)

Arbeitgeber warnen vor Aufweichen von Krankenhausreform

Der Arbeitgeberverband BDA warnt vor einem Aufweichen der Ende 2024 beschlossenen Krankenhausreform. "Mit der weiteren Verwässerung der Krankenhausreform verschließt die Politik die Augen vor den Anpassungsnotwendigkeiten im stationären Bereich", erklärte Hauptgeschäftsführer Steffen Kampeter am Freitag in Berlin. "Länder und Krankenhäuser glauben Gewinner zu sein - Verlierer sind die Patienten und die Beitragszahler", kritisierte er mit Blick auf Änderungen des Reformgesetzes, die der Bundestag am Vormittag beschließen soll.

Bundestag entscheidet über Änderungen an Krankenhausreform

Der Bundestag berät am Freitag (Plenarsitzung ab 09.00 Uhr) abschließend über Änderungen an der Ende 2024 beschlossenen Krankenhausreform. Dabei geht es unter anderem um mehr Mitspracherechte für die Länder sowie Fristverlängerungen und zusätzliche Ausnahmeregeln insbesondere für kleinere Kliniken im ländlichen Raum. Zudem wird der Kostenanteil des Bundes zugunsten der Länder erhöht.

DAK warnt vor "Pflegekollaps": Rekordwert bei Sozialhilfequote in Heimen

Durch die massiv gestiegenen Eigenanteile in stationären Pflegeeinrichtungen sind immer mehr Bewohnerinnen und Bewohner auf unterstützende Sozialhilfeleistungen angewiesen. Die Sozialhilfequote in Pflegeheimen erreiche im laufenden Jahr einen neuen Höchstwert von 37 Prozent, teilte die DAK Gesundheit am Donnerstag mit. DAK-Vorstandschef Andreas Storm warnte vor einem "Pflegekollaps" und forderte von der Bundesregierung kurzfristig eine umfassende Pflegereform.

Textgröße ändern: